In deutschen Paarberatungsstellen hat sich in den vergangenen fünf Jahren ein Muster etabliert, das Therapeuten vor neue Fragen stellt. Immer häufiger sitzt in der Sitzung eine dritte Partei mit im Raum, die keinen Stuhl braucht: ein Algorithmus, eine App, ein Gerät. Die Beschwerden klingen dabei oft vertraut, die Ursachen sind es nicht mehr.
Was Paartherapeuten heute anders hören
Münchner Paartherapeutin Claudia Degenhardt arbeitet seit 14 Jahren mit Paaren. Sie sagt, der Anteil der Fälle, in denen digitale Gewohnheiten eine zentrale Rolle spielen, habe sich seit 2019 verdoppelt. „Früher kamen Paare wegen Untreue, Kommunikationsproblemen oder Erziehungskonflikten. Heute kommen sie mit Screenshots.“ Gemeint sind Screenshots von Dating-App-Benachrichtigungen, von KI-Chatverläufen des Partners, von Nutzungsstatistiken des Smartphones.
Was dabei auffällt: Die Technologie ist selten das eigentliche Problem. Sie ist Verstärker. Sie macht sichtbar, was vorher latent vorhanden war, nämlich Einsamkeit innerhalb der Beziehung, emotionale Vernachlässigung oder schlicht das Gefühl, mit einem Bildschirm zu konkurrieren.
Drei Kategorien digitaler Belastungen
Aus Gesprächen mit Therapeuten lassen sich drei Hauptmuster herausarbeiten:
- Phubbing: Das dauerhafte Ignorieren des Partners zugunsten des Smartphones. Eine Studie der Universität Kent aus dem Jahr 2022 zeigte, dass Paare, bei denen beide Partner intensiv ihr Handy während gemeinsamer Zeit nutzen, signifikant niedrigere Beziehungszufriedenheitswerte aufweisen als Paare mit bewusstem Medienkonsum.
- Parasoziale Bindungen: Manche Menschen entwickeln intensive emotionale Abhängigkeiten von KI-Chatbots wie Replika oder ähnlichen Apps. Einzelne Nutzer berichten, mehr Zeit in Gespräche mit dem Bot zu investieren als in den echten Partner.
- Sexuelle Substitution: Die Nutzung von Pornografie, interaktiven Plattformen oder zunehmend auch physischen Geräten als Ersatz für gemeinsame Intimität.
Diese Kategorien überschneiden sich, und genau das macht sie in der Beratung schwer zu greifen.
Der Fall der KI-Freundin
Ein Berliner Therapeut, der anonym bleiben möchte, beschreibt einen konkreten Fall aus dem Jahr 2023. Sein Klient, 38 Jahre alt, verheiratet, Vater eines Kindes, hatte über neun Monate täglich mehrere Stunden mit einer KI-Begleiterin kommuniziert. Die App war ursprünglich zur Stressbewältigung gedacht. Aus Berufsstress wurde Rückzug, aus Rückzug wurde emotionale Isolation. Als die Ehefrau die Chatverläufe entdeckte, empfand sie es nicht als Untreue im klassischen Sinne, aber als tiefen Vertrauensbruch. „Sie sagte mir, er hat der Maschine erzählt, was er mir nie gesagt hat“, berichtet der Therapeut.
Dieser Fall ist kein Einzelfall. Er illustriert eine Verschiebung, die in der Beratungsszene zunehmend diskutiert wird: Nicht die körperliche, sondern die emotionale Exklusivität gerät unter Druck.
Sexroboter: Noch Randthema, aber nicht mehr lange
Während KI-Apps bereits fester Bestandteil vieler Beratungsgespräche sind, steht ein anderes Thema noch am Anfang seiner gesellschaftlichen Debatte. Physische Sexroboter sind teuer (Einstiegspreise bei rund 3.000 Euro, Highend-Modelle weit über 10.000 Euro), aber sie werden zugänglicher. In Fachkreisen wird bereits diskutiert, welche Auswirkungen ihre breitere Verbreitung auf Paardynamiken haben wird. Eine Paartherapeutin hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und warnt vor einer vorschnellen Normalisierung; mehr dazu findet sich in ihrem ausführlichen Beitrag, der die klinische Perspektive sachlich darstellt.
Der Kern der Warnung: Es geht nicht um Moral, sondern um Funktion. Wer in einer Partnerschaft lebt und sexuelle Bedürfnisse dauerhaft und ausschließlich durch technische Mittel befriedigt, ohne dass der Partner davon weiß oder damit einverstanden ist, schafft ein Ungleichgewicht, das sich langfristig auf die Qualität der Intimität auswirkt. Das ist empirisch noch wenig erforscht, klinisch aber bereits spürbar.
Was Paare konkret tun können
Die gute Nachricht aus der Beratungspraxis: Paare, die das Gespräch frühzeitig suchen, haben gute Chancen, stabile Vereinbarungen zu treffen. Einige Ansätze, die Therapeuten empfehlen:
- Bildschirmfreie Zonen vereinbaren: Nicht als Strafe, sondern als bewusst geschützten Raum. Viele Paare berichten von positiver Wirkung, wenn das Schlafzimmer oder das gemeinsame Abendessen konsequent handyfrei bleibt.
- Transparenz über Nutzungsverhalten: Wer nutzt welche Apps, wie oft, wozu? Nicht als Kontrolle, sondern als Information. Viele Konflikte entstehen aus Unwissenheit, nicht aus böser Absicht.
- Regelmäßige Bestandsaufnahmen: Feste Gesprächszeiten, in denen beide Partner ehrlich reflektieren, ob Technologie gerade hilft oder stört.
- Professionelle Begleitung frühzeitig suchen: Wer wartet, bis der Konflikt eskaliert, braucht deutlich mehr Sitzungen. Eine bis zwei Sitzungen im Jahr als „Wartung“ sind in der Beratungscommunity zunehmend etabliert.
Was das für Paare in festen Bindungen bedeutet
Besonders bei verheirateten Paaren oder solchen, die eine Heirat planen, lohnt ein offenes Gespräch über digitale Gewohnheiten vor dem nächsten großen Lebensabschnitt. Was erwartet jeder vom anderen in Bezug auf Smartphone-Nutzung, digitale Freundschaften oder intime Inhalte? Diese Fragen klingen banal, werden aber selten explizit gestellt, bevor sie zum Problem werden.
Claudia Degenhardt fasst es so zusammen: „Ich habe noch kein Paar erlebt, das sich getrennt hat, weil sie zu viel miteinander geredet haben. Aber ich erlebe regelmäßig Paare, die sich entfremdet haben, weil sie aufgehört haben, es zu tun.“ Technologie entscheidet das nicht. Aber sie kann den Prozess beschleunigen, in beide Richtungen.
Die Frage ist nicht, ob Smartphones, KI oder andere Technologien aus Beziehungen verschwinden werden. Sie werden es nicht. Die Frage ist, welchen Platz beide Partner ihnen gemeinsam zuweisen. Das ist verhandelbar. Und es lohnt sich, diese Verhandlung zu führen, bevor jemand anderes, oder etwas anderes, sie führt.












